Peter Bofinger ist ein gefragter Redner. Vormittags noch in Aurich tritt der Würzburger Ökonom am Abend beim Deutschen Gewerkschaftsbund in Nürnberg auf. Für das Interview der FTD macht er extra einen Zwischenstopp in Berlin. Weil er das neue Denken in der Ökonomie vorantreiben will. In einer Studie hat er selbst untersucht, wie an deutschen Unis fünf Jahre nach der Finanzkrise Makroökonomie unterrichtet wird.
Die Fragen stellten Mathias Ohanian, Martin Kaelble und Thomas Fricke.
FTD Im Herbst haben Harvard-Studenten aus Protest eine Vorlesung des weltweit führenden Lehrbuchautors Greg Mankiw verlassen - weil er realitätsferne, traditionelle Modelle predige. Hat es das bei Ihnen in Würzburg auch gegeben?
Peter Bofinger In Würzburg haben wir sehr friedliche Studenten, und meine Vorlesungen sind vielleicht auch etwas näher an der Realität.
FTD Ist mit den Studenten heute kein Streit mehr anzufangen?
Bofinger Die meisten Studienanfänger wollen ja ohnehin BWL studieren. Die sehen die Einführungsvorlesung zur VWL eher als lästige Pflicht. Das geht ja eher nach dem Motto: Was uns nicht umbringt, macht uns nur stark. An dem Unsinn, den Studenten heute oft lernen müssen, gibt es allerdings schon sehr vieles zu kritisieren.
FTD Würden Sie die Studenten gern zum Protest animieren?
Bofinger Wir müssen als Ökonomen zumindest einräumen, dass viele Modelle nur Zerrbilder der Realität sind. Ich habe die gängigen Lehrbücher systematisch ausgewertet. Die Standardwerke, nicht zuletzt das von Greg Mankiw, stellen die Makroökonomie als ein selbststabilisierendes System dar. Dem Staat kommt dabei überwiegend die Rolle des Störenfrieds zu. Über soziale Sicherungssysteme und Gewerkschaften findet man nahezu nichts.
FTD Was man aber von einem globalen Lehrbuch nicht verlangen kann.
Bofinger Das amerikanische Modell ist ja für Europa nicht gerade typisch. Ein zentrales Problem der Standardwerke besteht darin, dass die konjunkturelle Arbeitslosigkeit komplett außen vor bleibt, obwohl sie eines der zentralen Probleme ist, dem sich die USA und Europa seit der Finanzkrise gegenübersehen. Im Standardlehrbuch kann es nur durch höhere Löhne und staatliche Eingriffe zu einem Anstieg der Erwerbslosigkeit kommen. Dass Konjunkturschocks auch dazu führen können, wird in keinem der gängigen Lehrbücher systematisch erklärt. Das ist eigentlich unfassbar.
FTD Sie werfen Ihren Kollegen vor, dass es ihnen nicht gelingt umzudenken. Gibt es bei Ihnen auch Dinge, die Sie heute anders sehen?
Bofinger Ja. Was ich vor der Krise völlig unterschätzt habe, ist, welche gefährliche Rolle die Finanzwirtschaft für die Realwirtschaft spielen kann. Banken bestimmen mit ihrer Kreditvergabe entscheidend darüber, wie hoch Investitionen sind und wo sie vorgenommen werden.
FTD Kommt das in den Lehrbüchern gar nicht vor?
Bofinger In den Modellen agieren die Banken als reine Vermittler, die Ersparnisse einsammeln und sie als Kredite wieder zurück in die Wirtschaft geben. Diese Mickymaus-Modelle sind völlig realitätsfern. Der Finanzsektor braucht keine Einlagen um Kredite zu vergeben, in den Jahren vor der Krise konnten Banken nahezu grenzenlos Kredite aus dem Nichts schaffen. Daran wäre das Finanzsystem fast zusammengebrochen. Diese aktive Rolle der Banken hat bis heute weder Eingang in die Lehrbücher noch in die geldpolitische Strategie der Europäischen Zentralbank gefunden.
FTD Wir sind jetzt im Jahr fünf nach Ausbruch der Finanzkrise. Gibt es wirklich noch keine Bewegung dahin, die Lehrbücher und Modelle zu überarbeiten?
Bofinger Es gibt natürlich neue Forschungen, wie sie das Institute for New Economic Thinking fördert ...
FTD ... das kommende Woche seine Jahrestagung in Berlin hält.
Bofinger Ja. Nur an den Skripten und den Lehrinhalten hat sich bisher kaum etwas geändert. Eine Studie von Forschern der Uni St. Gallen kommt sogar zu dem Schluss, dass die überkommenen Modelle heute mehr denn je unterrichtet werden. Das Problem ist nicht nur, dass es bisher keine Lehrbücher gibt, in denen gezeigt wird, wie das Finanzsystem die Realwirtschaft destabilisieren kann. Professoren haben oft auch kein allzu großes Interesse daran, ihre Lehre an die geänderte Realität anzupassen.
FTD Weil sie zu faul sind?
Bofinger Vorlesungen zu halten ist für karrierebewusste Ökonomen eher ein notwendiges Übel. Mit guten Vorlesungen können Professoren wenig Reputation gewinnen. Einige versuchen sogar, durch Berufungsverhandlungen ganz um Vorlesungsverpflichtungen herumzukommen. Ansehen gewinnt man nur, wenn man Papiere in renommierten Zeitschriften veröffentlicht. Und solange die Qualifikation für Professuren fast ausschließlich über Publikationen läuft, wird sich an der untergeordneten Bedeutung der Lehre nichts ändern. Viele Studenten werden also bis auf Weiteres noch mit überkommenen Lehrbuchmodellen konfrontiert werden.
FTD Wenn die Zunft sich verrannt hat und es keine Anreize gibt, etwas zu ändern - wäre es dann nicht sinnvoll, die Ökonomen einer stärkeren Rechenschaftspflicht zu unterziehen? Braucht es mehr Kontrollen?
Bofinger Nein, das wäre der völlig falsche Weg. Die Unabhängigkeit der Wissenschaft steht nicht zur Disposition. Es ist schon schlimm genug, dass Wirtschaftsvertreter in vielen Hochschulräten eine so starke Position bekommen haben.
FTD Also einfach zusehen?
Bofinger Die Qualität der Lehre müsste bei Berufungen deutlich stärker gewichtet werden. Dann gäbe es einen größeren Anreiz, Vorlesungen zu relevanten Fragen zu machen.
FTD Was natürlich auch aufgewecktere Studenten voraussetzt. Lassen sich die Anreize denn realistisch ändern?
Bofinger Früher gab es in Universitäten einmal das Hörergeld. Für jeden Studenten im Hörsaal gab es für den Professor eine kleine Summe. Das wäre schon einmal ein Anreiz, um einen attraktiven Unterricht zu halten.
FTD Und damit, glauben Sie, würde sich das Problem lösen?
Bofinger Natürlich wäre das nur ein kleiner Beitrag. Es käme vor allem darauf an, Lehrstühle zu etablieren, die neue Ansätze in der Forschung wie der Lehre vorantreiben. Wir bräuchten nicht nur eine Konferenz, sondern am besten eine ganze Universität für neues ökonomisches Denken.
| Peter Bofinger |
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| Einzelkämpfer Peter Bofinger ist seit 2004 Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung. Dort vertritt er oft Minderheitspositionen: Der 57-Jährige ist einer der wenigen prominenten Vertreter der Nachfragelehre in Deutschland und Verfasser eines Makroökonomik-Standardwerks. Bofinger engagiert sich in der öffentlichen Debatte. In der kommenden Woche wird er als Redner an der dritten Jahreskonferenz des Institute for New Economic Thinking teilnehmen. |