Immer dieses Gerede von Wachstum, Wachstum und noch mal Wachstum!" Pierre-Emmanuel Taittinger hat sich mal wieder in Rage geredet, dass ihm die dunklen Locken um die Denkerstirn tanzen. "So ein Nonsens! Ich kann das nicht mehr hören! Ich habe auch nichts übrig für all diese Leute, die dauernd kaufen und verkaufen, nur um Profit zu machen. Viel wichtiger ist es doch heute, Werte zu erhalten. Sie werden gleich sehen."
Mit seinem Sohn Clovis steht er im Fahrstuhl, der sie tief unter die Erde bringt. Unter dem Firmensitz des Champagner-Imperiums in Reims liegen die Reste der einstigen Abtei Saint Nicaise aus dem 13. Jahrhundert und darunter die Kreidekeller aus der galloromanischen Zeit. Hier lagert, bei permanent zwölf Grad Celsius, das Kapital der Taittingers: Rund 21 Millionen Flaschen Champagner im Wert zwischen je 50 und 300 Euro stecken in hölzernen Rüttelpulten.
Seit gut zwei Jahren ist das traditionsreiche Champagnerhaus wieder im Besitz der Familie, erworben von einem amerikanischen Finanzinvestor, nach einem knallharten Bieterstreit gegen Konkurrenten aus aller Welt. "Ich bin ein Mann des Glaubens. Ich habe Taittinger zurückgekauft, weil ich an die Erhaltung wahrer Werte glaube", sagt das 56-jährige Familienoberhaupt.
Es ist kühl und ein bisschen unheimlich in den kilometerlangen Gängen und umgekehrt trichterförmigen Gewölben, die im 4. Jahrhundert entstanden. "Damals haben römische Sklaven hier geschuftet, um dem Felsen seinen Schatz, die Kreide, abzugewinnen", erklärt Clovis, der in Paris Geschichte studiert hat. "Die Wände tragen noch die Spuren ihrer kleinen Meißel und bescheidenen Werkzeuge."
Hier und da sieht man mystische Tierreliefs und Köpfe, die von anonymen Künstlern aus dem Fels herausgearbeitet worden sind. Nur hin und wieder weist eine schummrige, gelbe Lampe den Weg um die nächste Biegung eines Ganges oder erleuchtet fahl eine Abzweigung.