Schön und zum Welterbe gekrönt - aber stillgelegt. Es ist symbolisch, dass die deutsche Chemiebranche sich am Freitag in der Essener Zeche Zollverein trifft. Der Branchenverband VCI, der zur Mitgliederversammlung lädt, möchte nämlich gern verhindern, dass auch die Anlagen der drittgrößten deutschen Industrie zu Denkmälern verkommen. So hat der VCI mit dem Forschungsinstitut Prognos darüber nachgedacht, wie die Branche 2030 aussehen wird.
Der scheidende VCI-Chef Klaus Engel wird die Studie präsentieren. "Die Liste der Herausforderungen ist lang", heißt es in der Ankündigung, und an erster Stelle ist die Energiewende genannt. Denn keine andere Industrie im Land frisst so viel Strom: gut 50 Milliarden Kilowattstunden (kWh), acht Prozent des Gesamtverbrauchs in Deutschland. Marktführer BASF braucht allein am Stammwerk Ludwigshafen 6,3 Mrd. kWh. Für alle Energieträger zusammen zahlt die deutsche Chemie rund 8 Mrd. Euro , ein Fünftel dessen, was im verarbeitenden Gewerbe anfällt.
Ein erheblicher Anteil - 1,3 Mrd. Euro - entfällt auf die Energiezusatzkosten, also im Kern die politisch verhängten Kosten. Von der Ökosteuer ist die Industrie zwar weitgehend befreit - im Gegenzug dafür hat sie sich verpflichtet, die Energieeffizienz zu steigern. Doch fällt der Aufwand für Emissionshandel und die EEG-Umlage an, also der Strompreisaufschlag für erneuerbare Energien - obwohl für die Industrie auch hier Vorrechte gelten (siehe Artikel rechts). Die richtigen Stromfresser, zum Beispiel Chlorelektrolyse, genießen eine Härtefallregelung und zahlen nur eine Mini-EEG-Umlage. Das kommt etwa einem von 30 Chemieunternehmen zugute. Für selbst erzeugten Strom - der etwa ein Fünftel des Verbrauchs deckt - ist gar keine Abgabe fällig.
Dennoch zahlt die Chemie dieses Jahr nach Verbandsschätzung rund 800 Mio. Euro EEG-Umlage. 2013 steige das mit erhöhten Tarif voraussichtlich auf etwa 1,2 Mrd. Euro, rechnet Jörg Rothermel vor, Bereichsleiter Energie beim VCI. Im Europa-Vergleich sind die hiesigen Stromkosten je nach Statistik die höchsten oder jedenfalls in der Spitzengruppe. "Wir liegen immer auf den vorderen Plätzen", sagt Rothermel. Beim DAX-Konzern Merck haben sich die Energiepreise in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Über 50 Prozent der Stromkosten seien staatliche Abgaben, sagt ein Sprecher.
Merck denkt nach eigenem Bekunden nicht über eine Produktionsverlagerung nach. Von anderer Stelle ist eine erste Drohung zu hören: Deutschland müsse wettbewerbsfähig bleiben, sagt Bayer-Chef Marijn Dekkers. "Ansonsten kann sich ein globales Unternehmen wie Bayer überlegen, seine Produktion in Länder mit niedrigeren Energiekosten zu verlagern."
So direkt sagen das wenige; zudem können solche Andeutungen als Drohkulisse dienen, um Forderungen durchzusetzen. Bisher ist kein Fall bekannt, dass jemand eine Großanlage auseinandergeschraubt und im Ausland neu aufgebaut hat. Aber wenn es um ein neues Werk geht, kommt das Argument Energiepreis ins Spiel.
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So baute der Werkstoffhersteller SGL Carbon eine neue Karbonfaserfabrik im amerikanischen Moses Lake. "Gern hätten wir diese in Deutschland angesiedelt", sagt Vorstandschef Robert Koehler. Aber dafür müsse man wettbewerbsfähige Kosten haben. Zudem greife man am US-Standort auf Wasserkraft zurück, heißt es bei dem Wiesbadener Unternehmen. Erneuerbare Energie also, was im Nachhaltigkeitsbericht gut ankommt. Bei der Karbonfaserherstellung macht die Energie ein Drittel der Gesamtkosten aus - viel mehr als die Personalkosten.
Doch profitiert die Chemie auch von der Energiewende. Sie ist es, die die Materialien für erneuerbare Energien herstellt. Wacker beliefert die Solarindustrie, SGL Carbon Windmühlenhersteller mit Material für die Rotoren. Um Energie zu sparen, brauchen Hausbesitzer künftig vielleicht mehr Dämmstoffe von BASF. Doch die Branche weist verstärkt auf die Kehrseite hin. Gerade taten sich die drei mächtigsten Organisationen zusammen: Die Chefs des VCI, des Arbeitgeberverbands BAVC und der Gewerkschaft IGBCE mahnten in einem Brief Bundeskanzlerin Angela Merkel, Energie maßvoll zu belasten: "Industriestrom muss zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sein." Keine dramatischen Worte, aber der Brief des Trios an sich ist ungewöhnlich. "Wir wollten da einmal den Finger heben, vorsorglich", sagt ein Vorstand eines Großkonzerns.