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  FTD-Serie: Innovationen

Wer sind die größten Erfinder des Jahres? Wie wird eine Idee zum Markterfolg? Und welche Staaten preschen gerade auf dem Patentemarkt nach vorn? In unserem Spezial finden Sie Berichte, Porträts und Bilder zum Thema.

Merken   Drucken   12.06.2012, 02:30 Schriftgröße: AAA

Geox-Erfinder: Auf dampfenden Sohlen

Mit ausgefeiltem Marketing hat der Erfinder Mario Moretti Polegato seine Schuhmarke Geox international bekannt gemacht.
von Merle Schmalenbach

Den meisten Menschen sind Schweißfüße peinlich, nicht so Mario Moretti Polegato. Der Italiener erzählt gerne davon, wie seine Schuhe einst abartig qualmten, Anfang der 1990er Jahre, bei einer Wanderung im US-Staat Nevada. Damals hatte er angeblich einen Geistesblitz, zückte sein Taschenmesser und schnitt Löcher in die Sohlen, durch die der Mief entwich. An diesem Tag kam ihm die Idee zur atmenden Schuhsohle, die heute weltweit bekannt ist.

Polegato hat etwas geschafft, wovon viele Erfinder träumen: Er hat seine Idee so konsequent umgesetzt, dass er heute Milliardär ist. Seine Schuhfirma Geox , deren Präsident er ist, erzielte 2011 einen Nettoumsatz von 887 Mio Euro. Das Unternehmen ist in 103 Ländern präsent, hat etwa 3000 Angestellte und beschäftigt den Angaben zufolge indirekt weitere 30.000 Menschen. Polegato hat inzwischen zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst, aktuell ist er für den Europäischen Erfinderpreis nominiert. Erreicht hat Polegato das alles mit geschicktem Marketing - und Durchhaltevermögen.

Erfinder und Gründer von Geox: Mario Moretti Polegato   Erfinder und Gründer von Geox: Mario Moretti Polegato

Denn zunächst sah es düster aus für den Italiener mit der Vorliebe für markante Brillen. Drei Jahre lang experimentierte er mit neuen Materialien. Sein Ziel war es, eine Schuhsohle herzustellen, die zwar Schweiß aus dem Inneren ableitet, von außen jedoch kein Wasser eindringen lässt. Die Lösung fand er in speziellen Membranen, die in der Weltraumforschung entwickelt wurden: Deren Poren sind größer als Dampfmoleküle, aber kleiner als Regentropfen. Polegato ließ seine Erfindung sofort patentieren, um sich eine gute Verhandlungsposition zu sichern: "Mein Plan war es, die Idee zu verkaufen." Aber so sehr er sich auch abmühte - kein Schuhunternehmen wollte von seiner Erfindung etwas wissen. "Niemand hat an mich geglaubt", sagt er - und noch immer schwingt Enttäuschung mit.

"Eine Idee ist mehr wert als eine Fabrik"

Doch statt entnervt aufzugeben, entschied sich der Jurist fürs Risiko und gründete seine eigene Schuhfirma. Dabei kam ihm sicherlich zugute, dass er aus einer wohlhabenden Proseccodynastie stammt und durch sie gelernt hat, wie man ein Unternehmen führt. Auf ein Startgeld von seiner Familie verzichtete er jedoch. Mit fünf Mitarbeitern fing er 1995 an - und fand in dem gesättigten Markt eine unbesetzte Nische: "Damals ging es in der Schuhbranche nur um Mode, Mode, Mode", sagt er, "Geox hat ein neues Konzept eingeführt."


Mario Moretti Polegato
Der Spross einer bekannten italienischen Winzerdynastie wurde 1952 im ostitalienischen Crocetta del Montello geboren. Er besuchte eine Fachhochschule für Önologie und studierte von 1972 bis 1977 Jura an der Universität von Ferrara. Bevor Polegato Geox gründete, führte er den familiären Weinbaubetrieb, der mit den Marken "Villa Sandi" und "Villa Gioiosa" zu den größten Prosecco-Exporteuren des Landes zählt. Polegato gehört zu den reichsten Menschen Italiens und ist seit 1997 Honorarkonsul von Rumänien. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.

Von Anfang an hat er die Schuhe, die zwischen 100 und 250 Euro kosten, als Hightech-Produkte vermarktet. Bis heute verwendet Geox viel Mühe darauf, den Kunden die Produkte zu erklären. Fotos und Animationen zeigen, wie die atmende Sohle funktioniert, auch in den Schuhkartons liegen Erläuterungen. Für Kinder wurde die Comicfigur Magic Geox geschaffen und Formel-1-Rennfahrer Sebastian Vettel testet die Sohlen werbewirksam im Cockpit. "Eine gute Idee muss kommuniziert werden", sagt Polegato.

Fünf bis sechs Prozent des Umsatzes investiert Geox in Marketing, weitere zwei Prozent fließen in die Forschung. Stolz erzählt Polegato, dass sein Unternehmen 15 Ingenieure beschäftige und 60 Patente halte. Neben Schuhen entwickelt es mittlerweile auch atmungsaktive Jacken und Anoraks.

"Eine Idee ist mehr wert als eine Fabrik", sagt Polegato - und setzt dieses Credo konsequent um. Geox konzentriert sich vor allem auf die Entwicklung und Vermarktung der Produkte, die Herstellung erledigen Firmen in Fernost, Europa oder Lateinamerika. Neue Märkte erschließt das Unternehmen mit einem klaren Konzept: Zunächst dringt es in den regionalen Großhandel ein.

Die kleinen Probleme des Alltags

Sobald eine Infrastruktur besteht, startet es Werbekampagnen, eröffnet erste Geox-Shops und erhöht deren Anzahl schrittweise. 2011 erwirtschaftete das Unternehmen 24 Prozent seines Nettoumsatzes mit Geox-Shops, 21 Prozent mit Franchise-Läden und 55 Prozent über den Großhandel. Es ist ein dicht gespanntes Verkaufsnetz - sogar der Papst trägt mittlerweile Geox-Schuhe.

Privat ist Polegato tiefgläubiger Katholik und in seiner Heimat Venetien tief verwurzelt. Hier wurde er geboren, hier lebt seine Familie. "Sie hat mich immer unterstützt, und liebt mich, obwohl sie mich nicht so oft zu Gesicht bekommt." Mit seinem jüngeren Bruder Giancarlo, der das familiäre Weingut weiterführt, verbindet ihn ein freundschaftlicher Wettkampf, denn auch er ist ein erfolgreicher Unternehmer. Seinen Sohn Enrico baut er zu seinem Nachfolger auf. Der 30-Jährige hat wie der Vater Jura studiert und ist bereits Vizepräsident der Schuhfirma.

Wann immer die Zeit es zulässt, trifft sich Mario Polegato mit Freunden auf ein Glas Wein, reitet aus oder fährt Motorrad. Doch meist packt ihn schnell die Unruhe, ein Leben im Müßiggang kann er sich trotz seines Milliardenvermögens nicht vorstellen. Aktuell arbeitet er an seinem ehrgeizigen Ziel, die Zahl der Geox-Shops, die derzeit bei 1140 liegt, zu verdoppeln. Auch neue Ideen kommen ihm ständig, selbst, wenn er auf dem Flughafen wartet. Dann beobachtet er die Menschen, sieht ihre kleinen Alltagsprobleme und denkt über Lösungen nach. "Mein größtes Kapital ist nicht mein Geld, sondern mein Gehirn." Polegato klingt dabei sehr zufrieden.

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    © 2012 Financial Times Deutschland
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