Natürlich hat auch Wladimir Lissin gekämpft. In den 90er-Jahren, als in Russland der sogenannte Aluminiumkrieg tobte, trat Lissin in die berüchtigte Transworld-Gruppe der Brüder Tschernoi ein. Als er sich 2000 von der Metallgruppe der Brüder trennte, fielen Lissin die Anteile von Transworld an NLMK zu. Aber erst nach einem zwei Jahre dauernden Machtkampf mit dem Oligarchen Wladimir Potanin erlangte Lissin die Mehrheit an NLMK. Trotz dieser Zeiten sei Lissin eine "angenehme Ausnahme" unter den Oligarchen, sagt der Brauereimillionär Oleg Tinkow in seinem Videoblog.
Gerade überraschte das Magazin "Finans" das Land mit der Meldung, dass Lissin mit einem Vermögen von umgerechnet 13,8 Mrd. Euro Reichster aller Reichen ist - mehr als doppelt so viel wie noch ein Jahr zuvor.
Ganz heimlich, still und leise hat sich der öffentlichkeitsscheue Stahlunternehmer hochgearbeitet. NLMK weist mittlerweile die höchsten Margen und die wenigsten Schulden in Russland auf. Im Unterschied zu den anderen Oligarchen begründe sich Lissins Reichtum nicht auf den umstrittenen Privatisierungen der 90er-Jahre, meint Tinkow. Er lobt den 53-Jährigen als "Industriellen" und "echten Ingenieur".
Der leidenschaftliche Jäger und Vorsitzende des russischen Schießsportverbandes hat seine Karriere in den 70er-Jahren als einfacher Arbeiter in einer Kohlemine begonnen und nebenbei ein technisches und ein wirtschaftliches Studium abgeschlossen. Schon mit 33 war Lissin Stellvertreter von Oleg Soskowez, Chef eines der größten sowjetischen Metallkombinate. Soskowez, der später sowjetischer Bergbauminister wurde, holte Lissin nach Moskau und führte ihn in die Businesselite der Hauptstadt ein.
Diese Elite verlor 2008 durch die Krise und den Crash an der Moskauer Börse mehr als die Hälfte ihres Vermögens, manch einer stand gar am Rande des Bankrotts. Dank der Unterstützung des Staates und der Erholung des Finanzmarkts stieg das Vermögen der zehn reichsten Russen im vergangenen Jahr jedoch wieder um 84 Prozent auf insgesamt 102 Mrd. Euro. Der russische Leitindex RTS legte im gleichen Zeitraum um rund 130 Prozent zu.
Die neue Nummer eins überholte laut "Finans" Michail Prochorow und Roman Abramowitsch, weil er "rechtzeitig Fehler erkannt und auf riskante Beteiligungen verzichtet" habe. Anders als die Konkurrenz wie Severstal , Evraz und TMK hatte sich Lissin nicht mit der kreditfinanzierten Übernahme von Auslandsaktiva verzettelt, sondern in die Modernisierung der Stahlwerks in Lipezk investiert. Die für 2008 geplante Übernahme der US-Röhrenfabrik John Maneely sagte Lissin im letzten Moment noch ab.
Ebenfalls hilfreich auf dem Weg vom einfachen Stahlarbeiter zum Milliardär dürfte gewesen sein, dass Lissin nie durch Skandale auffiel oder in Konflikt mit dem Kreml geriet. Im Gegenteil: Premierminister Wladimir Putin ist gern gesehener Gast in Lissins Tontauben-Schießzentrum "Fuchshöhle".