Eine staatliche Ausbildungsgarantie für Jugendliche soll das Übergangssystem von der Schule in den Beruf ersetzen. Ein entsprechendes Konzept hat die Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit neun Bundesländern und der Bundesagentur für Arbeit (BA) entwickelt. Es wird an diesem Donnerstag vorgestellt. Jedem Schulabgänger soll danach ein betriebsnaher Ausbildungsplatz zugesichert werden. Die zusätzlichen Kosten für diese Garantie belaufen sich nach Berechnungen der Stiftung auf 1,5 Mrd. Euro jährlich.
Bisher landen jedes Jahr tausende Jugendliche nach der Schule in berufsvorbereitenden Maßnahmen, die sie aber häufig einem Ausbildungsplatz nicht näher bringen. Der Reformbedarf beim Übergangssystem ist deswegen unbestritten.
Viele Maßnahmen wurden angesichts der derzeit besseren Chancen der Jugendlichen auf eine Lehrstelle bereits zusammengestrichen. In Nordrhein-Westfalen hat die rot-grüne Landesregierung stattdessen die Ausbildungsgarantie in den Koalitionsvertrag übernommen. Und auch das SPD-regierte Hamburg will den Schulabgängern eine Berufsbildung fest zusichern.
Derzeit stecken 300.000 Jugendliche im Übergangssystem. Dazu gehören Schulabgänger, die keine Lehrstelle gefunden haben und Jugendliche, die keinen Schulabschluss haben. 4,3 Mrd. Euro werden jährlich aufgewendet, um diese Jugendlichen an eine berufliche Ausbildung heranzuführen. Trotzdem bleiben etwa 150.000 Jugendliche dauerhaft ohne Berufsabschluss. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind entsprechend schlecht - viele enden schließlich als Hartz-IV-Empfänger.
Der Bildungsvorstand der Stiftung, Jörg Dräger, sieht im Übergangssystem die letzte große nationale Reserve zur Lösung des Fachkräftemangels. Im gegenwärtigen System würden die Jugendlichen nur geparkt. "Wir verstecken die Jugendarbeitslosigkeit im Übergangssystem", sagte er. Das Sammelsurium aus Bewerbungstraining, Wiederholung von Schulstoff und Praktika sei letztlich nur eine Warteschleife ohne Perspektive.
Vor allem Schulabgänger aus sozial benachteiligten Familien landeten im Abseits. Erschreckend hoch sei der Anteil von Jugendlichen aus Migrantenfamilien. "Das deutsche duale System gehört zu den besten Ausbildungssystemen der Welt, aber Bildungsverlierer haben davon wenig, weil sie kaum den Einstieg finden", sagte Dräger.
Auch durch die demografische Entwicklung werde sich das Problem nicht erledigen. Daher sollen Jugendliche, die keine Lehrstelle gefunden haben, eine betriebsnahe Ausbildung in einer Berufsschule oder bei einem Bildungsträger absolvieren. Mit der Kammerprüfung zum Abschluss soll gewährleistet werden, dass die Ausbildung von Unternehmen als gleichwertig angesehen wird.
Der Bildungsökonom Klaus Klemm hat errechnet, dass der Staat für jeden, der über die Ausbildungsgarantie einen Beruf erlernt, 11.000 Euro zusätzlich aufwenden muss. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 85.000 Euro von der Grundschule bis zum Abschluss. Das sei zwar teurer als der Werdegang im dualen Ausbildungssystem, langfristig lohne sich diese Investition aber, weil der Staat von höheren Lohnsteuereinnahmen und Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung profitiere. Laut Klemm stehen dadurch 22.000 Euro auf der Habenseite.
Eine Konkurrenz zur dualen Ausbildung will die Stiftung nicht aufbauen. Das bleibe der Königsweg, sagte Dräger. Die Zahl der ausbildenden Betriebe gehe aber zurück, weshalb es staatlich geförderte Ausbildungsplätze geben müsse.
Allerdings finden viele Betriebe auch keine Bewerber. Zum Beginn des Ausbildungsjahres am 1. September gab es nach Angaben der BA noch 100.000 freie Lehrstellen. Dem standen knapp 91.000 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz gegenüber. Weitere 56.000 suchen zwar noch, bereiten sich aber parallel auf eine Übergangsmaßnahme vor. Nach Ansicht des Deutschen Handwerks war es noch nie so einfach, eine Lehrstelle zu finden, es sei aber schwierig, geeignete Bewerber zu finden.