Der Aufruf deutscher Ökonomen gegen eine Bankenunion hat nun auch im Ausland heftigen Widerspruch ausgelöst. "Der Brief ist reich an hitziger Rhetorik und arm an sachlichen Details", sagte Berkeley-Ökonom Barry Eichengreen der FTD. "Ich halte den Aufruf für zu simpel, unklar und ideologisch", sagte der Harvard-Ökonom Alberto Alesina. "Dieser Text zeigt kein Verständnis davon, was eine Bankenkrise ist - als ob sie 2008 und in den früheren Krisen geschlafen hätten", sagte der Genfer Wissenschaftler Charles Wyplosz.
In einem offenen Brief hatten deutschsprachige Ökonomen um Ifo-Chef Hans-Werner Sinn vergangenen Donnerstag vor einer Bankenunion gewarnt und die EU-Gipfelbeschlüsse als falsch bezeichnet. Der Aufruf zog eine heftige Debatte und zwei weitere öffentliche Aufrufe von anderen deutschen Ökonomen nach sich.
Nun schalten sich auch ausländische Volkswirte in die Debatte ein. "Der Brief bestärkt die deutsche Öffentlichkeit in dem Irrglauben, dass man den Euro behalten, aber zugleich alles in Richtung Bankenunion verneinen kann. So etwas trägt nicht dazu bei, die Krise zu lösen", sagte Währungsexperte Eichengreen. Eine gemeinsame Währung, aber zugleich 17 separate Regulatoren seien schlicht Wahnsinn.
Ähnlich kritisch äußerten sich andere US-Starökonomen gegenüber der FTD: "Es würde zum Kollaps des Euro führen, wenn man dem Rat dieser Ökonomen folgen würde", sagte Harvard-Professor Dani Rodrik. "Generell halte ich solche Massenmeinungsäußerungen von Ökonomen nicht für besonders hilfreich", sagte der Wirtschaftshistoriker Harold James von der Universität Princeton. "Dieser Brief war ein Fehler - und das sage ich als jemand, der in der Euro-Krise ein Freund deutscher Positionen ist", sagte Schuldenexperte Alesina.
Noch heftiger war die Reaktion aus der Schweiz. "Der Text ist auch aus politischer Sicht eine Schande. Er ist offen fremdenfeindlich", sagte der Genfer Währungsexperte Wyplosz. Er sei verängstigt, wenn die ökonomischen Eliten Deutschlands solche Sichtweisen äußerten. Zudem zeige der Text tiefe Verachtung für die Demokratie: "Niemand ohne höhere ökonomische Ausbildung versteht diesen Text."
Es sei wichtig, sich mit dem Thema sachlich auseinanderzusetzen, sagte Jan-Egbert Sturm, Chef des Schweizer Instituts KOF. "Die Debatte scheint aber derzeit in Deutschland sehr emotionalisiert. Man kann die Polarisierung mit jener in der Politik zwischen Nord- und Südeuropa vergleichen. Nun hat sie auch unsere Ökonomenprofession erreicht." Alan Manning, Wirtschaftsdekan der LSE, kritisierte: Der Nutzen der Währungsunion für Deutschland werde unterschätzt.
Derweil scheinen die ersten der rund 200 Unterzeichner des Aufrufs um Ifo-Chef Sinn einen Rückzieher zu machen. Bis Montagnachmittag unterzeichneten mindestens neun von diesen Wirtschaftswissenschaftlern auch den später vom Berliner Ökonomen Frank Heinemann initiierten Aufruf - der eine europäische Bankenunion als unverzichtbar für eine dauerhafte Lösung der Krise ansieht. Er zählt nun binnen drei Tagen ebenfalls über 100 Anhänger. Die auf den Widerspruch angesprochenen Volkswirte argumentierten auf Nachfrage der FTD vor allem inhaltlich und beteuerten, dass eine Bankenunion in der aktuellen Lage durchaus sinnvoll sein könnte - sofern sie "gut gemacht" sei. Manche beteuerten, die beiden Dokumente ergänzten sich.
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"Eigentlich schließt es sich aber aus, beide Aufrufe zu unterzeichnen", sagte Bert Rürup, ehemaliger Chef des Sachverständigenrats. Der Aufruf von Sinn setze eine Bankenunion mit einer kollektiven Haftung für die Schulden der Euro-Banken gleich. "Das von Heinemann initiierte Dokument tut genau dies nicht." In diesem Text werden die Beschlüsse des EU-Gipfels von Ende Juni als ein Schritt in die richtige Richtung bewertet. Im Sinn-Aufruf werden die Gipfelbeschlüsse kategorisch als "falsch" bezeichnet.
"Diese Kollegen machen es sich zu einfach", sagte Gustav Horn, Chef des IMK. "Ich hätte großen Respekt, wenn sie ihre Unterschrift unter den Krämer/Sinn-Aufruf nun für falsch hielten." Besonders die fehlende Distanzierung von der hetzerischen Sprache des sarrazinesken Sinn-Aufrufs sei ärgerlich. "Das zeigt die in der gegenwärtigen Situation unverantwortliche Beliebigkeit und Oberflächlichkeit mancher Ökonomen."
Einer der kritisierten Wirtschaftsprofessoren räumte ein: Der Brief von Sinn enthalte keine Hinweise zur Lösung der Probleme, das sagte Doppelunterzeichner Wolfram Richter von der TU Dortmund. Der Aufruf von Heinemann sei "in Ton und Inhalt überzeugender". "Der Aufruf erreichte mich leider erst nach Unterzeichnung des Sinn-Aufrufs", so Richter.
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