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FTD-Serie: Perspektiven der Energie

Die Energiewende in Deutschland ist beschlossene Sache. In unserer Serie zeigen wir, wie sich Ökostrom am besten speichern lässt, wie viele neue Stromleitungen das Land braucht und wie hiesige Hersteller vom Ausbau den erneuerbaren Energienanlagen profitieren.
Merken   Drucken   31.10.2012, 12:17 Schriftgröße: AAA

Energie: Die Kraft des Klees

Umstrittener Ackerbau: Immer mehr Bauern füttern ihre Biogasanlage mit Mais. Das führt  zu eintönigen Landschaften und hohen Pachtpreisen. Ein Graf aus Mecklenburg-Vorpommern setzt deshalb auf Klee.
© Bild: 2012 Getty Images/Fry Design Ltd
Umstrittener Ackerbau: Immer mehr Bauern füttern ihre Biogasanlage mit Mais. Das führt zu eintönigen Landschaften und hohen Pachtpreisen. Ein Graf aus Mecklenburg-Vorpommern setzt deshalb auf Klee.
von Thomas Gaul

Zwischen den sanften Hügeln der Mecklenburgischen Schweiz südlich von Rostock ragen die Kuppeln einer Biogasanlage hervor. Doch statt von Maisfeldern ist die Anlage in dem Dörfchen Dalwitz von gelb blühendem Senf und saftigem Grün umgeben. "Mein Ziel ist es, die Biogasanlage ganz ohne Mais zu betreiben", sagt Heinrich Graf von Bassewitz. Die 450 Hektar Ackerland des Gutes Dalwitz werden nach den Prinzipien des ökologischen Landbaus bewirtschaftet. Und hier wächst auch das Futter für die "Eiserne Kuh" heran, wie der Landwirt seine Biogasanlage nennt.

"Klee und Gräser baue ich ohnehin zur Bodenverbesserung an. Bevor die Pflanzen auf dem Feld verrotten, kann ich sie auch zur Energiegewinnung nutzen", sagt von Bassewitz. Statt der Kühe kann also auch die Biogasanlage mit Klee und Wiesengras gefüttert werden. Statt Milch und Fleisch gibt es dann Strom und Wärme für die Ferienwohnungen im Gutshaus.

Der Landadelige gehört zu den wenigen Bio-Bauern, die in Deutschland eine Biogasanlage betreiben. Es gibt höchstens 180 Biogasanlagen im Biolandbau. Diese Zahlen ermittelte der Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel in Witzenhausen. "Das sind gerade drei Prozent der Biogasanlagen in Deutschland", sagt der Agrarwissenschaftler Rüdiger Grass von der Universität Kassel.

Umstrittenes Biogas

Innerhalb der Umweltverbände und Organisationen des ökologischen Landbaus ist das Thema Biogas äußerst umstritten. Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz werde Biogas stärker gefördert als der Öko-Landbau, lautet die Kritik. Dabei waren es einst Öko-Bauern, die vor 30 Jahren im Raum Hohenlohe bei Stuttgart die ersten Biogasanlagen bastelten - denn Hersteller dieser Technologie gab es damals noch nicht.

Das Ziel der Öko-Bauern war es, energieautark zu sein. Und das Denken in Zyklen gehört eigentlich zum Kern der ökologischen Landwirtschaft. Neben den miteinander verflochtenen Kreisläufen für Nahrung und Futtermittel gibt es auch einen dritten: Energie. "Ein wahrer ökologischer Landbau hat auch eine ökologische Energieversorgung", sagt Grass. Doch konventionell betriebene Biogasanlagen brauchen sehr viel Mais.

Für Anbauverbände wie Bioland hat die Energiewende viel Negatives mit sich gebracht: Weil durch die Ökostrom-Förderung manche Biogasanlagenbetreiber tiefer in die Tasche greifen können, sind vielerorts die Pachtpreise für landwirtschaftliche Flächen gestiegen. Biobauern können beim Preispoker nicht mithalten, zumal auch viele Bundesländer ihre Förderprogramme für den Ökolandbau zusammengestrichen haben.

Klee als Alternative

"Biogas wird stärker gefördert als der ökologische Landbau", kritisiert dementsprechend der Bio-Verband Demeter. Durch den Maisanbau werde nicht nur die Landschaft eintöniger, sondern es verringere sich auch die biologische Diversität. Ökologen fordern daher, die Biogaserzeugung auf Reststoffe und Pflanzen wie Klee und Gras zu beschränken, die eine positive Wirkung auf den Boden haben. Denn sie bauen Humus auf und binden Kohlendioxid. Im Gegensatz zu Mais brauchen sie auch keinen Dünger.

Doch die Pflanzen werden im geltenden

EEG benachteiligt, da es die höhere Vergütung von zusätzlich zwei Cent je Kilowattstunde für Biogas-Strom nur gibt, wenn die Pflanzen als Zwischenfrucht angebaut werden - also nur für die kurze Zeitspanne nach der Getreideernte im Sommer bis zum Herbst.

In der Praxis bleiben die Pflanzen aber mindestens zwei Jahre stehen, weil der Aufwand für den Anbau sonst zu hoch ist. Um das zu ändern, müsste Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) die Biomasseverordnung ändern, in der diese Vorschrift festgelegt ist. Doch die Aussichten sind angesichts des Herumgeschraube an den anderen Stellen des EEG gering.

Benachteiligung kleiner Biogasanlagen

"Das tut zwar weh, aber schlimmer noch ist die Benachteiligung kleiner Biogasanlagen", sagt Christoph Toss. Der Projektingenieur des Ökostrom-Anbieters Naturstrom hat im bayerischen Hallerndorf eine Bio-Biogasanlage konzipiert, die zu 70 Prozent mit einer Mischung aus Klee und Gras und zu 30 Prozent Gülle betrieben wird. Vier Biolandwirte haben sich zusammengeschlossen und betreiben gemeinsam die Bioenergieanlage mit Naturstrom. "Biogas funktioniert regional und dezentral", sagt Thoss. Die Kritik an der Bioenergie kann er nicht nachvollziehen: "An der Biomasse kommen wir nicht vorbei, weil sie regelbar und speicherbar ist." Die Biogasanlage in Hallerndorf hat dazu einen großen Speicher, der das regenerativ erzeugte Gas bis zu 24 Stunden speichern kann.

Biogas kann auch zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Betriebe führen, gibt Rüdiger Grass zu bedenken. Der Öko-Landbau könnte damit sogar gestärkt werden. "Wichtig ist, dass die Biogasproduktion nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion tritt", sagt Heinrich Graf von Bassewitz.

Für die Zukunft plant der Graf, der die Bundesregierung als Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung berät, noch einen weiteren Kreislauf zu schließen: Auch die Traktoren und andere Fahrzeuge des Gutes sollen mit Biogas angetrieben werden.

  • FTD.de, 31.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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