Mahsa Amoudadashis Kurve zeigt steil nach oben. Die 23-Jährige hat in den vergangenen Wochen alles richtig gemacht: Sie war pünktlich, hat sich wenige Fehler während der Arbeit geleistet und in Seminaren weitergebildet. Als ihr auffiel, dass immer mehr Hotelgäste an Laktoseintoleranz leiden, schlug die Mitarbeiterin der Chefetage vor, das Milchangebot zu ändern. Ihr Einsatz und ihre Aufmerksamkeit zahlten sich aus. Mahsas Aktie steht fast immer auf den vorderen Plätzen der Rangliste. Nach der Ausbildung wurde die Angestellte sofort übernommen. "Die monatliche Aktienbilanz ist für mich ein Ansporn, immer unter den Besten dabei sein zu wollen", sagt die Hotelfachfrau.
Diese Einstellung wollte Klaus Kobjoll erreichen, als er 2002 die Idee für den Mitarbeiteraktienindex (Max) hatte. Der Chef des Nürnberger Hotels Schindlerhof schwebte ein System vor, durch das Arbeitskräfte ihre Leistung transparent einsehen und auf diese Weise gezielt verbessern können: "Jeder blickt einmal im Monat in den Spiegel", beschreibt Kobjoll den Grundgedanken des Motivationskonzepts. Gemeinsam mit Professor Ulrich Scheiper von der Fachhochschule Würzburg und dem Experten Markus Wiesmann entwickelte der 62-Jährige den Max: Jeder Angestellte erhält an seinem ersten Arbeitstag einen Startwert in Höhe von 1000 Pixeln. Der Kursverlauf wird monatlich neu berechnet und gibt die aktuelle Leistung des Beschäftigten wieder.
20 verschiedene Indikatoren fließen in die Aktie ein - von Freundlichkeit, über Krankheitstage bis hin zu Innovationsvorschlägen für das Unternehmen. In den verschiedenen Rubriken muss sich jeder im Hotel selbst bewerten, auch der Chef. Anschließend werden die Eingaben, die mit Hilfe einer speziellen Software erfolgen, von einem Teamleiter gegengelesen. Bei geringen Abweichungen erhält der Beschäftigte einen erklärenden Vermerk, bei größeren Differenzen kann es zu einem persönlichen Gespräch kommen.
Trotzdem hätten die Angestellten, deren Aktienkurven stets am Ende des Index stehen, keine Kündigung zu befürchten, sagt Kobjoll: "Wenn ein Pâtissier seine Karte super macht, aber keine Lust hat später Küchenchef zu werden, ist das völlig okay. Wenn jeder Führungskraft werden wollen würde, gäbe es schließlich keine Indianer mehr." Doch die Mitarbeiter, die ehrgeizig nach oben streben, werden dafür auch belohnt. Die besten 30 Aktien des Monats werden im Hotel ausgehängt und die obersten Top-Angestellten erhalten Prämien wie Restaurantgutscheine oder Kochkurse.
Das Konzept stößt bei Arbeitnehmern nicht nur auf Begeisterung. Eine Sprecherin der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten ist überzeugt, dass der Max für die Mitarbeiter keine Hilfe, sondern eine zusätzliche Hürde darstellt: "Die Beschäftigten der Gastronomie stehen sowieso unter enormen Druck. Solche Systeme verstärken die Belastung nur unnötig." Zwar ließen sich junge Menschen zu Beginn sicher von der Idee anziehen, dauerhaft würden die Angestellten aber unter dem Druck leiden. Krankheit und Angst seien die Folge.
Klaus Kobjoll kann Kritikern eine Vielzahl an Erfolgen entgegen halten: Wenn der Unternehmer in seinem studioähnlichen Dachgeschoss-Büro in einem Nebengebäude des Schindlerhofes sitzt und an die vergangenen acht Jahre seit der Einführung des Max zurück denkt, freuen ihn am meisten noch immer die ersten Fortschritte mit dem System. Ende 2003, ein Jahr nach dem Start im Hotel, konnte er bereits eine positive Bilanz ziehen.
Die durchschnittlichen Krankheitstage eines jeden Mitarbeiters hatten sich um die Hälfte reduziert, die Ideenvorschläge erheblich zugenommen. 2007 belegte Kobjoll beim Wettbewerb des Great Place to Work Institutes "Deutschlands beste Arbeitgeber", das damals unter anderem vom Wirtschaftsmagazin Capital und dem Bundesarbeitsministeriums unterstützt wurde, den 18. Platz. Auch in den Folgejahren tauchte der Schindlerhof immer wieder auf einem der vorderen Ränge auf.
Teil 2: Umstrittene Indikatoren des Max