Die Technik mit dem sperrigen Namen Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) kann eine Strommenge von 2000 Megawatt (MW) relativ verlustarm übertragen - etwa so viel wie die Kapazität zweier Atomkraftwerke. Siemens baut die Umrichter, die den Wechselstrom aus dem normalen Netz in den Gleichstrom für die Stromautobahn wandelt. Der Auftrag ist rund 350 Mio. Euro schwer.
Die fehlende Verbindung zwischen den Ländern galt bisher als größtes Hindernis beim Aufbau eines transeuropäischen Stromnetzes. Die Verkabelung Europas ist für den Ausbau erneuerbarer Energien aber entscheidend, weil künftig Strom immer mehr an Orten produziert wird, die fern von den Verbrauchszentren liegen.
Ein leistungsstarkes Netz - noch ist es eine Vision - könnte Solarstrom aus Südeuropa oder sogar Nordafrika bis zu den Industriezentren etwa in Süddeutschland transportieren. Norwegens Wasserkraftwerke könnten als Speicher dienen, wenn in Großbritannien der Wind weht oder in Spanien die Sonne scheint.
Auch für das Projekt Desertec, bei dem Solarstrom aus der Sahara Europa versorgen soll, ist die neue Leitung durch die Pyrenäen wichtig: Spaniens Stromnetz ist an der Meerenge von Gibraltar bereits an Nordafrika angebunden. "Für Desertec ist diese Leitung ein Puzzlestein", sagte Udo Niehage, Chef der Siemens-Sparte für Stromübertragung, der FTD. "Sie ist aber bei Weitem noch nicht ausreichend."
Für das Wüstenstromprojekt müssen noch etliche Hochspannungskabel gebaut werden - häufig gegen den Widerstand diverser Interessengruppen. Obwohl sich alle einig waren, dass eine Leitung zwischen Frankreich und Spanien dringend gebraucht wird, stritten sich die Länder mehr als ein Jahrzehnt über die Details.
Naturschützer protestierten wegen der schönen Landschaft, Anwohner wegen Elektrosmogs, Spaniens Stromversorger fürchteten den billigen Atomstrom aus Frankreich. Seit so viele Windanlagen gebaut wurden, dass es Stromüberschuss gibt, hat sich das Interesse der Versorger aber geändert. Und für die Anwohner wird das HGÜ-Kabel in einem Tunnel verlegt - was teurer ist.
"Es stehen gewaltige Entscheidungen an", sagte Niehage. "Das geschieht nicht in zehn Jahren, die Reise ist deutlich länger." Die größte Herausforderung sei politischer Natur, die Genehmigungsverfahren dauerten zu lange. Die Technik sei dagegen zum größten Teil vorhanden. An Details wie der Kunststoffisolierung der dicken, schweren Kabel, die durch das Mittelmeer gehen sollen, werde gearbeitet, eine Lösung sei aber in Sicht.
Siemens erhofft sich aus dem Netzausbau in Europa ein gutes Geschäft. Außerdem steigt die Nachfrage nach HGÜ-Technik in den Entwicklungsländern rasant, weil in Indien, China oder Brasilien große Strommengen über weite Strecken transportiert werden müssen. 2009 hatte der HGÜ-Markt laut Siemens ein Volumen von 3 Mrd. Euro. "Künftig erwarte ich noch deutlich mehr", sagte Niehage.
"Innerhalb der nächsten fünf Jahre wird der Markt auf 7 Mrd. Euro wachsen. Aber an diesem Markt nehmen dann auch die neuen asiatischen Spieler teil", sagte der Siemens-Manager. Die Chinesen lägen technisch aber noch zurück und seien außerhalb ihres Heimatmarkts keine Konkurrenz.
Bisher teilen Siemens und der Schweizer Rivale ABB das Geschäft fast allein unter sich auf. Auch Alstom aus Frankreich arbeite an der Technik. Einen Großauftrag aus Nordeuropa hat ABB Siemens am Freitag weggeschnappt: Die Schweizer bauen für 270 Mio. Euro eine HGÜ-Leitung zwischen Schweden und Litauen.