Was und wie denken Deutschlands Wirtschaftswissenschaftler? Alles über die exklusive Umfrage der FTD und des Vereins für Socialpolitik hier in dieser Serie.
Ökonomen-Umfrage Teil 1:Was Ökonomen wirklich wollen
Wie ticken Deutschlands Wirtschaftsexperten? Die FTD hat 551 von ihnen befragt, zusammen mit dem Verein für Socialpolitik - und präsentiert exklusiv die verblüffenden Ergebnisse. von Thomas Fricke, Berlin
Liebling Schweden
Eigentlich müssten in Deutschland FDP und Grüne in großer Koalition regieren. Die Wirtschaft sähe aus wie in Schweden, mit einem Arbeitsmarkt, der stark flexibilisiert würde, während Regierung wie Notenbank zurückhaltend für Stabilität sorgen und die Konjunktur trotzdem hin und wieder erfolgreich stützen - nachdem sie den Stabilitätspakt abgeschafft haben.
So jedenfalls sähe es im Land aus, wenn Ökonomen per Mehrheitsbeschluss bestimmen könnten. Ein Ergebnis, das nicht unbedingt mit den gängigen Experten-Klischees übereinstimmt - und das zu den zahlreichen erstaunlichen Ergebnissen der großen Befragung deutscher Wirtschaftswissenschaftler in diesem Frühjahr zählt.
Wie bedeutend große Wirtschaftswissenschaftler für das 21. Jahrhundert sind
Fast zwei Monate wurden Wissenschaftler wie Praktiker befragt - eine Umfrage der FTD zusammen mit dem Verein für Socialpolitik, der traditionsreichen Vereinigung von rund 2500 Ökonomen in Deutschland (siehe Artikel Die Volkswirtezählung). Die Ergebnisse präsentiert die FTD exklusiv.
Ausgeprägte Sozialstaaten als Vorbild
Kaum verwunderlich wirkt, dass Deutschlands Ökonomen dafür wären, Renten zu kürzen, den Einfluss von Gewerkschaften einzudämmen oder den Kampf gegen Inflation als Hauptaufgabe der Notenbank einzustufen. Das entspricht dem Eindruck einer orthodox geprägten Zunft, wie ihn Medienstars wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn nähren. Umso überraschender ist umgekehrt, wie eindeutig die Experten dann doch ausgeprägte Sozialstaaten wie Schweden, Dänemark oder Holland zum Vorbild erklären - weit vor den eher marktradikalen Briten oder Amerikanern. Oder dass wirtschaftspolitische Radikalrezepte wie die Flat Tax nur relativ wenig Anhänger unter deutschen Ökonomen haben.
Rürup schlägt die Basarökonomie
Liberale und Grüne hätten in Deutschland eine absolute Mehrheit, Angela Merkels CDU würde dagegen ebenso zur Splitterpartei wie die SPD des aktuellen Vizekanzlers. Auch das hat etwas Überraschendes. So wie die Tatsache, dass sich immerhin knapp 40 Prozent der Ökonomen um einen Ministerposten bewerben würden. Umso ernüchternder allerdings, dass die Befragten nur zwei Vertretern der eigenen Zunft nennenswerten Einfluss auf die Politik zuschreiben: Bert Rürup und Hans-Werner Sinn.
Eine Minderheit für Merkel
Treffende Selbsteinschätzung
Könnte sein, dass das auch daran liegt, dass sich die Wissenschaftler weit weniger einig sind, als es die Vermutung nahe legt, wonach die Deutschen gar kein Erkenntnis-, sondern nur noch ein Umsetzungsproblem haben. Mehr als 40 Prozent räumen ein, dass sich die Zunft selbst in grundsätzlichen Fragen nicht einig ist. Eine ziemlich treffende Selbsteinschätzung: Zu den wichtigsten Ökonomen zählen nach Urteil deutscher Wissenschaftler fast gleichrangig John Maynard Keynes wie Gegenspieler Milton Friedman, der orthodox-liberale Gary Becker wie der eher keynesianische Joseph Stiglitz. Ludwig Erhard rangiert dafür ganz weit hinten.
Ziele für Notenbanker
Fast 40 Prozent der Befragten finden die Steuerlast in Deutschland zu hoch, fast 48 Prozent sagen das Gegenteil. Ähnlich gespalten fällt das Urteil etwa bei der Frage aus, ob eine Notenbank die Geldmenge einfach konstant wachsen lassen sollte. Immerhin gut jeder Vierte hält wenig von der fast heiligen Grundannahme, wonach der Homo oeconomicus so weitgehend rational handelt, wie es die Lehrbücher der Zunft vorsehen.
All das wäre schon Grund zu bescheidener Zurückhaltung. Ebenso wie die Tatsache, dass gerade einmal ein Drittel der Experten angibt, schon einmal im Ausland wissenschaftlich gearbeitet zu haben - das wirkt verblüffend, wo die Professoren doch so eindringlich über die Herausforderungen der Globalisierung dozieren. Nicht einmal die Hälfte der Wirtschaftswissenschaftler stufen es als sehr wichtig ein, die aktuelle Wirtschaftslage zu kennen. Warum auch?
Bilderserie
Bilderserie: Die Ergebnisse der Exklusiv-Umfrage
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