Wenn Traditionsmarken wie Volvo, Grundig oder Mini in die Hände ausländischer Investoren fallen, sind ihre Ursprünge schnell vergessen. Auch wenn die neuen Besitzer gerne an alte Werte erinnern, hilft das nicht unbedingt. von Jan Henne, Hamburg
Selbst die britische Polizei fuhr Mini. Beamte aus Manchester präsentieren ihre Einsatzfahrzeuge (1968).
Das Mini eine englische Traditionsmarke ist, wissen nicht nur die Zuschauer von Mr. Bean. Kaum ein Auto galt als so very britisch wie der Kleinstwagen. Selbst das Dach vieler Fahrzeuge der alten Mini-Generation zierte der Union Jack. Seit 2001 bringt die BMW Group eine Neuauflage auf dem Markt - der Name und eine Stilelemente sind geblieben. "Britishness macht die Marke Mini aus", sagte Frank-Peter Arndt, Produktionsvorstand bei dem Autokonzern. Doch aus dem kultig-kuriosen Zwerg wurde längst ein deutsches High-Tech-Produkt, das in München entwickelt wird. Immerhin liegt die Geburtsstätte der meisten Mini-Fahrzeuge noch immer im britischen Oxford. Das alte Werk Cowley wurde allerdings in BMW Works Oxford umbenannt.
Der erste Grundig Tischfernseher (1953) galt mit einem Preis von 998 DM als erschwinglich.
Die traditionsreiche Elektromarke war mit Produkten wie dem Röhrenradio "Zauberklang" oder dem schwarz-weiß Fernseher "Zauberspiegel" Symbol des Wirtschaftswunders. Vor acht Jahren endete Grundig in der Pleite. 2004 kaufte sich die türkische Koc-Gruppe bei der Unterhaltungselektroniksparte der insolventen Nürnberger Firma ein, zu gleichen Teilen mit dem britischen Elektrohändler Alba. Seit 2007 gehört Grundig Intermedia vollständig der türkischen Holding. Gerne betont der neue Besitzer die Wurzeln im Traditionsunternehmen. Von den einst 40.000 Mitarbeitern an den deutschen Standorten sind allerdings nur noch 140 übrig. Sie arbeiten am Nürnberger Hauptsitz im Marketing, Vertrieb, Produkt- und Qualitätsmanagement. Produziert und entwickelt wird längst in der Türkei. Auch die Namen von Radio "Music" bis LCD-TV "Vision" klingen nicht mehr nach fränkischem Wohnzimmer.
Mit Motorcross-Maschinen von Husqvarna wurden unzählige Weltmeistertitel gewonnen.
Die Geschichte des schwedischen Mutterkonzern Husqvarna geht bis ins 17. Jahrhundert auf die Herstellung von Musketen zurück. 1903, noch kurz vor Harley Davidson, begann Husqvarna mit der Fertigung von Motorrädern. In den 60er, 70er und 80er galt die Marke als Primus im Motorcross. 1987 verkaufte Husqvarna den Produktionszweig nach Italien an die Marke Cagiva, die später von MV Agusta übernommen wurden. Seit 2007 betreibt BMW Husqvarna Motorcycles als unabhängiges Unternehmen. Produziert wird im norditalienischen Varese, dort hat die schwedische Traditionsmarke auch ihren Hauptsitz. Mit seiner jugendlichen Motorradmarke will BMW bald in Schwellenländer expandieren - spätestens im Sattel der ersten indischen Husqvarna dürften die Erinnerungen an schwedische Musketen verblassen.
Anders als bei dem von seinem Bruder Adolf Dassler gegründete Sportartikelhersteller Adidas, verknüpft man mit Rudolf Dasslers Puma kaum noch die Verbindung zur deutschen Heimat. Das mag zum einen daran liegen, dass sich der Gründer ausgerechnet den ur-amerikanischen Silberlöwen als Firmennamen ausgesucht hat. Andererseits hat sich das Unternehmen, das nach eigenen Angaben als Erster mit Fußballgrößen wie Sepp Herberger am Schraubstollenschuh experimentierte, mehr und mehr von klassischen Sportprodukten ab, und der Mode zugewandt. Wahrgenommen wird Puma heute eher als internationaler Lifestyle-Konzern, denn als deutscher Qualitätsausrüster für Spitzensportler. Passenderweise befindet sich Puma seit 2007 mehrheitlich im Besitz des Pariser Luxusgüterkonzerns PPR.
Viele Jahrzehnte wurden Waschmaschinen im AEG-Werk für Haushaltsgeräte in Nürnberg montiert.
Kaum ein deutsches Elektrounternehmen war so bedeutend wie die 1887 gegründete Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG). 1898 erfand AEG die Bohrmaschine, 1900 den Fön, 1958 die Waschmaschine. 1996 wurde die Firma aufgelöst und der Markenname von verschiedenen Lizenznehmern übernommen. Waschmaschinen, Herde oder Geschirrspüler mit dem Label AEG werden heute vom schwedischen Großkonzern Electrolux vertrieben. Die Produktion wurde nach Polen und Italien verlagert, nachdem die Schweden das Nürnberger Werk mit 85-jähriger Tradition geschlossen hatten. Der einst angesehene Markenname wird auch für chinesische Billigprodukte verwendet. Deutsche Tradition? Fehlanzeige.
Heute passen Volvo und Bullerbü Romantik weniger gut zusammen.
Als erster westlicher Autobauer ist Volvo im Besitz eines chinesischen Eigners. 2010 hat der Automobil- und Motorradhersteller Geely aus Hangzhou die verlustbringende Marke von Ford gekauft. Schon 1999 verloren die Schweden ihre Unabhängigkeit durch die Übernahme der Amerikaner - und der Volvo immer mehr seine kastig-unverwüstliche Anmutung. Das Modell Oberstudienrat diente aus; schwedische Kanten wurden zu amerikanischen Rundungen. Die Schweden arbeiten derzeit an einer neuen Unternehmenskultur: Ohne Ford soll Volvo wieder selbstständiger werden. Für 2012 kündigte Firmenchef Stefan Jacoby aber auch eine Straffung der Produktion an - das zumindest erinnert dann doch etwas an chinesische Gepflogenheiten.
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