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Merken   Drucken   14.09.2009, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Solarkraft? Nein Danke

Dossier Massenproteste gegen Atomstrom und Kohlekraftwerke - das war gestern. Heute richtet sich der Volkszorn der Deutschen auch gegen Solarfelder, Windmühlen und Biogasanlagen. Ein Ausflug in die absurde Welt der Bürgerbegehren. von Claus Hecking, Neustadt bei Coburg
Das muss es sein", sagt Thomas Büchner feierlich und steckt die Landkarte ein. Hier ist er also: der Acker, den der 47-Jährige seit Monaten retten will, auch wenn er ihn bis soeben noch nie gesehen hat. Das Stück kostbarer oberfränkischer Scholle, das Büchner und sein Parteigenosse Christoph Raabs mit allen Schikanen verteidigen, obwohl es ihnen gar nicht gehört. Ein stoppeliges, kahl geerntetes Gerstenfeld, über dessen Schicksal nun das Volk entscheidet. Am übernächsten Sonntag stimmen die Einwohner von Neustadt bei Coburg ab über das Bürgerbegehren "Weil man Strom nicht essen kann". So heißt Büchners und Raabs Initiative gegen zwei Solarparks, die hier auf zwei kleinen Äckern entstehen sollen.
Den beiden Aktivisten aus der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) geht es um mehr als nur diese 14 Hektar steinübersäten, ziemlich unfruchtbaren Erdboden. Es geht ihnen um eine große Idee. "Wir wollen endlich einen Strich unter die ganze Thematik Solarfelder setzen", sagt Büchner, im Zivilleben Komponist. "Wenn man jetzt nicht eingreift, gedeiht bald überall in der Region der Wildwuchs." Landmaschinenmechanikermeister Raabs hält sogar die Lebensmittelversorgung der ganzen Nation für bedroht. Äcker seien für den Ackerbau da, meint der 37-Jährige: "Wollen wir künftig so leben, dass wir da überall Solaranlagen hinpflastern?"
Ökokämpfer gegen Ökostrom: Mit einem Bürgerbegehren wollen ...   Ökokämpfer gegen Ökostrom: Mit einem Bürgerbegehren wollen Thomas Büchner (l.) und Christoph Raabs zwei Solarprojekte auf der oberfränkischen Scholle verhindern
Ja, wollen wir Deutschen das? Riesige Solarfelder, vielleicht auch Windmühlen allerorts? Oder doch lieber Kern- und Kohlekraft? Sicher ist nur eins: Wer hierzulande egal welche Energie erzeugen will, der braucht starke Nerven.
Vorbei sind die Zeiten, in denen die Bürger nur gegen Atomkraftwerke auf die Barrikaden gingen. Der zivile Widerstand gegen Kohlekraftwerke und Hochspannungsleitungen hat sich in den vergangenen Jahren zur Massenbewegung ausgewachsen. Und nun richtet sich der Volkszorn auch gegen die regenerativen Energien - quer durch die Republik. In der norddeutschen Tiefebene machen Bürgerinitiativen mobil gegen Biomasseanlagen, an den Küsten und im windigen Brandenburg gegen die Windmühlen, im bergigen, sonnenverwöhnten Süden gegen Wasserwerke und Solarparks. Dagegensein hat Hochkonjunktur.
Das zeigt der Fall Münster am Lech. Die 1064 Einwohner des Dorfes bei Augsburg haben kürzlich per Bürgerentscheid einen Solarpark verhindert. Zu groß waren ihre Befürchtungen, die unheimlichen blauschwarzen Platten könnten Strahlen aussenden, merkwürdige Geräusche bei Regen von sich geben, Fehlgeburten verursachen - und vor allem ihre schöne bayerisch-schwäbische Landschaft verschandeln.
Im oberfränkischen Neustadt bangt Bürgermeister Frank Rebhan nun umso mehr um das Solarprojekt: trotz eines 23:1-Votums im Gemeinderat für die Parks, die der Neustädter Anlagenbauer Gehrlicher Solar errichten will. "Was hier passiert, ist ein Stück aus Absurdistan", ärgert sich der SPD-Politiker. "Die Leute handeln nicht mehr rational." Seit Monaten melden sich verängstigte Bürger bei ihm, voller Sorge vor Lernstörungen, Fehlgeburten, Krebserkrankungen. Ein Nachbarbauer fürchtet um die ausreichende Belüftung seines Schweinestalls, sogar ein Wünschelrutengänger sprach bei Rebhan vor. "Alles, was mit Energie zusammenhängt, ist seit Jahren ideologisiert", klagt der Bürgermeister. "Eins haben die Leute gelernt: Man muss nur laut genug dagegen sein, dann kann man alles verhindern."

Teil 2: Warum diffuse Ängste umgehen

  • Aus der FTD vom 14.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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