Nahezu täglich hat die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in den vergangenen eineinhalb Jahren minutiös die Zahl der Opfer des Aufstands aufgelistet. Aus dem ganzen Land melden rund 200 Zuarbeiter dem in London ansässigen Büro Tote und Verletzte. Doch nun erhebt die Beobachtungsstelle, die sich klar auf der Seite der Regimegegner positioniert, schwere Vorwürfe gegen die eigenen Leute. In der Stadt Dschandar nahe Homs seien Aufständische am Dienstag in ein zum örtlichen Stromkonzern gehörendes Wohnhaus eingedrungen und hätten "blind" das Feuer auf die Bewohner eröffnet. 16 Menschen starben dabei, vorwiegend Christen und Alawiten, die Glaubensgemeinschaft des verhassten Präsidenten Baschar al-Assad.
Die Anschuldigungen zeigen das wachsende Unbehagen, das sich in Kreisen der syrischen Opposition breitmacht. Denn immer mehr radikalisierte Elemente schließen sich den Kämpfern an, die von der ohnehin nur schwach ausgebildeten Führungsstruktur der Freien Syrischen Armee (FSA) nicht zu kontrollieren sind. Dass Gefangene als mutmaßliche Spitzel von Regimegegnern ohne lange zu fackeln exekutiert werden, wird seit Langem berichtet. Auch Übergriffe auf Minderheiten sind bekannt. Und am Dienstag meldete Radio Vatikan, dass das Kloster Mar Musa aus dem vierten Jahrhundert komplett geplündert wurde.
"Wir versuchen, alles zu tun, um das zu unterbinden", sagt Ferhad Ahma, in Berlin lebendes Mitglied des Syrischen Nationalrats. "Die Genfer Konventionen müssen von allen eingehalten werden." Zu diesem Zweck werde versucht, die Befehlsstruktur der FSA zu zentralisieren. Aber "wir können nicht ausschließen, dass es in Einzelfällen zu Übergriffen und Racheakten kommt", so Ahma.
Denn viele extremistische Gruppen nutzen Chaos und Bürgerkrieg in Syrien für ihre eigene politische Agenda. Die Kenntnisse der Dschihadisten aus Irak und Afghanistan im Kampf und beim Bombenbau sind der Opposition hoch willkommen. Doch selbst Rebellenführer wissen, welche Konsequenzen es hat, mit Extremisten auf der gleichen Seite zu kämpfen. Wenn das Regime falle, "könnten wir uns in einer Schlacht gegen unsere früheren Verbündeten wiederfinden", so Abu Bakr, ein Kommandeur der Aufständischen, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Er sehe sich selbst auch als Islamist, aber diese Kämpfer, die unter anderem aus dem Irak kämen, "sind zu extrem. Sie wollen jedes Symbol des Staates sprengen, sogar Schulen".
Grausamkeiten könnten zudem der Oppositionsbewegung schaden. Experten und Menschenrechtler haben deshalb in den vergangenen Tagen die Regimegegner eindringlich davor gewarnt, die 48 entführten iranischen Pilger zu töten. Die Rebellen hatten gedroht, sie zu exekutieren, wenn die Regierungstruppen ihren Beschuss nicht einstellen. Sie halten die Iraner ohnehin für Revolutionsgarden, die die Assad-Truppen unterstützt haben. Der Iran hat inzwischen zugegeben, dass sich unter den Pilgern Revolutionsgarden und Armeeangehörige "im Ruhestand" befänden.
Selbst wenn es aktive Revolutionsgarden seien, "sind sie in Gefangenschaft und dürfen nicht hingerichtet werden", warnt Kenneth Roth, Direktor von Human Rights Watch. "Tötet die Freie Syrische Armee die iranischen Geiseln kaltblütig, wird sie sich diskreditieren", twittert der Nahost-Experte Meir Javedanfar vom Middle East Economic and Political Analysis Company in Tel Aviv. Ahma vom Syrischen Nationalrat ist allerdings überzeugt, dass den Iranern nichts geschehen wird: "Man behält sie als Faustpfand, um sie auszutauschen.