Die Nachrichtenagentur DAPD ist pleite, die "Frankfurter Rundschau" insolvent, die "Financial Times Deutschland" steht vor dem Aus: Die Zuspitzung der Medienkrise in diesem Herbst bringt auch die viel gescholtene Finanzbranche zum Nachdenken. "Das ist ein Desaster für uns. Wenn Zeitungen sterben, brechen uns die erfahrenen Ansprechpartner weg", sagt Monika Schaller, Kommunikationschefin der Investmentbank Goldman Sachs für den deutschsprachigen Raum und Osteuropa. "Qualitätsjournalismus versus Sparzwang", das ist am Mittwoch ein Thema geworden auf der alljährlichen Bankenkonferenz Euro Finance Week in Frankfurt.
Es mag erstaunen, warum da eine Frau die schwindende Macht der Redaktionen beklagt, die im Frühjahr einen weltweiten Mediensturm aushalten musste, weil ein gewisser Goldman-Banker namens Greg Smith am Tag seiner Kündigung via "New York Times" mit dem Gebaren seiner Kollegen abgerechnet hatte, die Kunden als "Muppets" verspottet hatten, als Deppen. Viele Unternehmen beschäftigen in ihren Pressestellen inzwischen Menschen, die all die Häme und den Spott wieder einfangen sollen, die nach solchen Veröffentlichungen als Shitstorm durchs Netz rasen.
Doch, wie viele Journalisten gibt es noch, die beurteilen können, ob eine Bank gegen ihre Kunden gewettet hat oder nicht? Unabhängige Beobachter, die einzelne Ereignisse zu einer großen Linie verbinden können, den Kontext der Finanzmärkte kennen? Viele Medienmarken haben Probleme, die Ressourcen bereitzustellen, oder werden sie bekommen. "Es wird schwieriger, erfahrene Leute in den seriösen Medien zu halten. Wir sind angewiesen auf solche, die viele Krisen gesehen haben", sagt Martin Hesse, Wirtschaftskorrespondent beim "Spiegel".
Das Problem treibt auch die Deutsche Bank um: "Wir brauchen Journalisten, die Zeit haben, sich in Themen einzuarbeiten, die verstehen, was Investmentbanking ist", sagt Ronald Weichert, Kommunikationschef für Deutschland. Leser bräuchten kompetente Einordnung. "Die Leute suchen Einordnung, wollen dafür aber nichts bezahlen", entgegnet Mark Schieritz, Finanzkorrespondent der "Zeit". Bei sinkenden Auflagen, kollabierenden Anzeigenerlösen und massig Umsonstlektüre im Internet fehlt vielen Verlagen die Kraft, Bezahlmodelle im Internet zu etablieren. "Ich wünsche mir Verlage mit Ideen, die Zahlungsbereitschaft abzurufen und mit dem Angebot zusammenzubringen."
Ralf Drescher, Redaktionsleiter der Onlinezeitung Wall Street Journal Deutschland, versucht es schon mit einer Bezahlschranke. Denn: Zugespitzte Überschriften bringen zwar Klicks und Reichweite, aber der Leser verliert. Seriöse Information im Netz funktioniere nur über Bezahlmodelle.
Weil die Kapazitäten in den Redaktionen knapper werden, stoßen Unternehmen immer öfter in diese Lücke, berichtet Brigitte von Haacke, Partnerin der Kommunikationsberatung Hering Schuppener. „Unternehmen und Beratungen bieten einen Teil der Leistung an, die früher von Redaktionen gemacht wurde: Fakten aufbereiten etwa, bei Übernahmen die Historie von Unternehmen einordnen.“ Na dann herzlichen Glückwunsch.