Thomas Enders braucht einen Plan B
Der erst vor gut vier Monaten an die EADS-Spitze gewählte 53-jährige Thomas Enders ist der klare Verlierer der geplatzten Fusionsgespräche mit BAE Systems . Er hatte den Deal vor allem vorangetrieben, weil er Vorteile für den Konzern, die Aktionärsstruktur und die Zukunftsaussichten sah. Doch er übersah, dass die deutsche Regierung nicht einfach willenlos mitmacht. Ein Rücktritt ist für Enders sicher dennoch kein Thema. Im EADS-Verwaltungsrat gibt es ohnehin keine echte Alternative für den Deutschen.
Enders ist seit jeher ein Stratege, der in verschiedenen Szenarien denkt und jetzt zum Plan B gezwungen wird. Dabei machte er jüngst deutlich, dass sich die Branche mit der EADS-BAE-Systems-Offerte ohnehin ändern würde. „Wenn wir scheitern, dann nicht, weil sich die beiden Unternehmen nicht einigen konnten, sondern weil andere es nicht auf die Reihe gebracht haben, die nötigen Voraussetzungen für den Zusammenschluss zu schaffen. So oder so wird unsere Branche nach dem Projekt nicht mehr so aussehen wie vorher“, verkündete er. Das Dilemma für Enders ist jetzt, dass er vermutlich Milliarden investieren muss, um das angestrebte Gleichgewicht zwischen zivilem Geschäft, also vor allem Airbus, und der Rüstung zu erreichen. Der EADS-Chef muss nun auf eine mühselige Einkaufstour gehen.
EADS sucht neue Bündnispartner Ein Gewinner aus dem EADS-BAE-Systems-Scheitern ist der französische Rüstungskonzern Dassault. Mit seinem Rafale-Kampfflieger und dem unmittelbar vor dem Erstflug stehenden unbemannten Kampfjet Neuron ist Dassault der härteste Konkurrent für den Eurofighter von EADS und BAE Systems. In Indien bekam der Rafale-Jet den Zuschlag für ein Milliardenprojekt und nicht der teurere Eurofighter.
Diese Blamage war einer der Auslöser für die Fusionsgespräche von EADS und BAE Systems, die das Ziel hatten, die Kosten zu senken und Synergien zu heben. Ein pikantes Detail ist dabei, dass EADS mit 46 Prozent an Dassault beteiligt ist, was historische Gründe hat. Annährungen scheiterten bislang allerdings am Widerstand der Dassault-Eigentümerfamilie. Zu den großen Luftfahrtkonzernen in Europa gehört außerdem die halbstaatliche italienische Finmeccanica-Gruppe, die ebenfalls am Bau des Eurofighters beteiligt ist. Doch bislang gibt es weder von den Italienern, noch von EADS Signale, dass es zu einer Annäherung kommen könnte.
Für Zukäufe wird Enders vielmehr den Blick in die USA richten, dem größten Rüstungs- und Luftfahrtmarkt der Welt. Die EADS-Kasse ist prall gefüllt, es könnten also Großübernahmen finanziert werden. Bei jedem Einstieg müsste auch die US-Regierung zustimmen.
Für BAE-Chef Ian King wird es eng
Für Ian King ist das Scheitern der Fusion eine persönliche Niederlage. Der 55-jährige BAE-Vorstandschef sah sich einer beinahe geschlossenen Front von Großaktionären des größten Rüstungskonzerns in Europa gegenüber. Dabei wurde in der City of London in den vergangenen Wochen kritisiert, dass King nicht offensiv um den Deal werbe.
So erhielt der britische Leiter der US-Fondsgesellschaft Invesco, mit 13,3 Prozent der größte BAE-Anteilsnehmer, dem Vernehmen nach lediglich einen 90-minütigen Termin mit King. Prompt wehrte sich Neil Woodford noch am Montag öffentlich gegen die Fusion: Er verstehe dessen „strategische Logik“ nicht. Anders als zu Zeiten von Kings Vorgänger Mike Turner scheint BAE auch in der britischen Politik nicht mehr gut vernetzt zu sein. Die konservativ-liberale Koalition stand von Anfang an unter dem Druck einer Gruppe von 45 Tory-Abgeordneten, die ihre Zweifel herausposaunten und Verteidigungsminister Philip Hammond zu Wochenbeginn zu einer härteren Haltung zwangen.
Dabei stand die Sorge um die britischen Arbeitsplätze in dem Unternehmen mit 88700 Mitarbeitern im Vordergrund. Freilich ist seit Längerem absehbar, dass BAE bald unter dem Mangel an neuen Aufträgen aus den Vereinigten Staaten leiden wird. Ein Stellenabbau dürfte dann unvermeidlich sein. Gut möglich, dass Kings Posten dazugehört.
BAE wird zum Übernahmeziel Der größte europäische Rüstungskonzern steuert nun einer unsicheren Zukunft entgegen. Die Gespräche mit EADS haben dem Markt gezeigt, dass die britische Regierung grundsätzlich bereit ist, einen großen Partner ins Boot zu holen: ein Indiz, dass ein Rettungsanker gesucht wird. Bereits in den Unterlagen zur Fusion mit EADS gab es Passagen, wie auf ein Konkurrenzangebot zu reagieren wäre – das vermutlich aus den USA kommen könnte. Branchenexperten sehen vor allem Northrop Grumman oder Raytheon als mögliche Interessenten für BAE Systems.
Die Briten erzielen rund die Hälfte ihres Umsatzes in den USA. Diese starke Achse in den US-Markt machte BAE Systems auch so interessant für EADS. Im Gegenzug hätten die Briten durch die Wiedereinbindung in das EADS-Airbus-Geschäft ihre einseitige Abhängigkeit vom Militär gemildert. Im US-Verteidigungshaushalt drohen im nächsten Jahr schließlich drastische Einschnitte.
Beobachter sehen jetzt für BAE Systems die Gefahr, dass der Konzern zerschlagen werden könnte. Wettbewerber aus den USA könnten sich die Hightech-Geschäftsfelder der Briten schnappen, heißt es. Für EADS blieben dann nur ein paar Gemeinschafts- und Kooperationsprojekte, zum Beispiel der Eurofighter oder die große europäische Lenkwaffenfirma MBDA.
Großaktionär setzt sich durch
Im Verwaltungsrat von EADS dürfte es jetzt massive Spannungen geben. Auf einem Führungskräftetreffen vor einer Woche in Toulouse soll Enders erklärt haben, dass er im Fall des Scheiterns "von den Gesellschaftern wissen (möchte), wie es weitergeht". Das kann als Kampfansage verstanden werden, weil auch Verwaltungsratschef und Mitaktionär Arnaud Lagardère erklärt hatte, dass er am Fusionsplan zweifle.
Enders fand die Idee, den Aktionärspakt, der den Gründungsaktionären Sonderrechte einräumt, über die Fusion aufzubrechen, charmant. Schon Monate vor dem Deal mit BAE Systems hatte es geheißen, dass der Konzern an einer Privatisierungslösung arbeite. Doch anstatt weniger, bekommt Enders jetzt mehr staatliche Aktionäre.
Insgesamt musste er sich von seinen Eignern viel Kritik anhören. Am erstaunlichsten waren die Einwände von Daimler als Gründungs- und Großaktionär von EADS. Der Stuttgarter Konzern will sich von seiner EADS-Beteiligung trennen – und da schadet jeder Kursabschlag. Da jedoch auch die Finanzmärkte von dem Deal nicht überzeugt waren, hat das Papier an Wert verloren. Der Kurs von EADS brach um gut 15 Prozent ein. Doch auch von anderen Investoren kamen – zuletzt immer lauter – die Frage nach dem Sinn und Befürchtungen wegen eines etwaigen Wertverlusts.
Staaten misstrauen einander
Mit dem Scheitern der Fusion vergeben Deutschland, Frankreich und Großbritannien die Chance, im Ringen um ein stärkeres wirtschaftspolitisches Zusammenwachsen in Europa mit einer beispiellosen Industriekooperation die Richtung vorzugeben. Stattdessen kamen die Fusionsgespräche zu Fall, weil zwischen den drei Staaten ganz offensichtlich das Misstrauen überwog: So wollte Deutschland nicht von seiner Position abrücken, stets genauso viele Anteile am Luftfahrtkonzern zu halten wie Frankreich. Die Franzosen forcierten eine Ausweitung ihres Staatsanteils – und Berlin wollte sich nicht abhängen lassen. Die Briten wiederum standen dem deutsch-französischen Staatseinfluss von jeher besonders argwöhnisch gegenüber.
Das Aus für die Fusionspläne ist damit auch ein Zeichen dafür, wie schwierig die von Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident François Hollande angepeilte wirtschaftspolitische Integration Europas wird. Deutschland wollte sich nicht einen praktisch drohenden europäischen Anbietermonopolkonzern vorschreiben lassen. Obwohl die Verteidigungsexperten ein Zusammenrücken der europäischen Anbieter befürworten, wollte sich Deutschland nicht von einem mächtigen Frankreich und Großbritannien als verlängerte Werkbank behandeln lassen.