Die Airbus-Mutter EADS und der britische Rüstungskonzern BAE Systems führen Gespräche über einen Zusammenschluss zum weltgrößten Luftfahrt- und Rüstungskonzern. Mit gemeinsam grob 75 Mrd. Euro Umsatz und mehr als 225.000 Beschäftigten wäre die neue Gruppe um die Hälfte größer als der US-Konkurrent Boeing mit zuletzt umgerechnet gut 53 Mrd. Euro Umsatz.
Die beiden europäischen Konzerne bestätigten am Mittwoch Gespräche über einen Zusammenschluss, nannten aber kaum Details. Vorgesehen ist, dass der Konzern künftig als Gruppe tätig ist. Der größere EADS-Konzern würde mit dem halb so großen BAE Systems-Konzern zusammengehen. Die beiden bisherigen Gesellschaften blieben separat an ihren Börsen notiert. An der Gruppe sollen die EADS-Aktionäre dann 60 Prozent und die BAE Systems-Anteilseigner 40 Prozent halten. Es sollen einheitliche Leitungs- und Aufsichtsgremien mit identischen Personen bei BAE Systems und EADS geschaffen werden, heißt es in Stellungnahmen der Firmen. Börsentechnisch wird von einem "reversed takeover" von EADS durch BAE Systems gesprochen. Bis 10. Oktober muss nach britischen Übernahmerichtlinien feststehen, ob die Transaktion zustande kommt.
Ein Einstieg von EADS bei BAE Systems wäre die größte Branchenkonsolidierung nach der Gründung von EADS vor zwölf Jahren. Mit dem Bündnis reagieren beide Unternehmen offensichtlich auf sinkende Militärbudgets in Europa. Sie schaffen nun einen dominierenden Anbieter. Die Konzerne sind seit Jahrzehnten Konkurrenten, aber auch Partner, etwa beim Kampfjet Eurofighter oder als Gesellschafter beim weltweit zweitgrößten Lenkwaffenkonzern MBDA. Die Briten würden über EADS wieder Zugang zum Airbus-Geschäft bekommen, aus dem sie sich 2006 zurückgezogen hatten.
Ein Bündnis aus EADS mit BAE Systems ist keine ganz neue Idee. 1999 schlossen sich zwar die führenden Branchenunternehmen aus Deutschland, Frankreich und Spanien zur EADS zusammen. Dies war aber tatsächlich der zweite Versuch einer europäischen Konsolidierung. Im selben Jahr hatte das deutsche Luftfahrtunternehmen Dasa, eine Daimler -Tochter, bereits einen Zusammenschluss mit Britisch Aerospace unterschriftsreif ausgehandelt. Die Briten planten wiederum den Aufkauf des Elektronikspezialisten Marconi und sagten die Dasa-Fusion ab. Es gab dann eine andere Lösung - die Gründung des europäischen Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS.
EADS-Chef Thomas Enders kann künftig die Gesamtgruppe breiter und internationaler aufstellen. Bislang steuert Airbus zwei Drittel zu den Erlösen von EADS bei - künftig wären die Umsatzanteile zwischen Zivil- und Militärgeschäft ausgeglichen.
EADS würde damit auch das Geschäftsmodell des US-Rivalen Boeing mit zwei gleichstarken Umsatzsäulen kopieren. Mit einer solchen Aufstellung kann das Unternehmen konjunkturelle Risiken ausgleichen - und beispielsweise auf Rüstung setzen, wenn Zivilflugzeuge sich nicht mehr so gut verkaufen wie derzeit. Die von Enders' Vorgänger, dem Ex-Konzernchef Louis Gallois verkündete Vision, bis zum Jahr 2020 einen Konzern mit 80 Mrd. Euro Umsatz und gleichgewichtigen Umsatzsäulen zu haben, würde damit kurzfristig erreicht.
Über BAE Systems würde sich EADS auch schlagartig einen besseren Zugang zum lukrativen US-Rüstungsgeschäft erschließen. Die Briten erzielten im ersten Halbjahr 2012 rund 43 Prozent ihres Umsatzes in Nordamerika. Zudem würde sich das Produktprogramm von EADS um Segmente wie den U-Boote-Bau, Panzer und Heerestechnologie und sogar einer Beteiligung an der Entwicklung des US-Kampfjets F-35 JSF erweitern. Mit einem starken britischen Anteil würde EADS auch die seit Jahren leidige Diskussion über einen zu starken französischen oder deutschen Einfluss im Konzern beenden. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie die Kulturen aus Frankreich und Großbritannien unter einem Dach vertragen. Wie es heißt, könnte die Steuerung des Airbus-Geschäftes aus Toulouse und des Rüstungsgeschäftes aus London erfolgen.
Besonders spannend werden die anstehenden Diskussionen um die Anteilseigner an der geplanten Gesamtgruppe. Bislang bindet ein umfangreiches Vertragswerk die EADS-Gründungsaktionäre und schränkt Aktienverkäufe durch Vorkaufsrechte ein. Diese Fesselvereinbarung wird nun offensichtlich gesprengt. Neben einem nicht näher definierten Interessensausgleich für die Aktionäre ist geplant, "Sonderaktien von BAE Systems und EADS an die französische, deutsche und britische Regierung auszugeben, um die bestehende Sonderaktie der britischen Regierung an BAE Systems und die gemeinsame Interessenvereinbarung im Zusammenhang mit EADS zu ersetzen".
Über diese Sonderaktien könnte EADS-Chef Enders den eher wachsenden Staatsanteil an EADS stoppen und das BAE Systems-Modell übernehmen. Die EADS-Aktionärsstruktur könnte erheblich privatisiert werden. Bei den Briten hat sich der Staat seit der Privatisierung des Konzerns 1981 schrittweise zurückgezogen. Er sichert seine Rechte nunmehr über eine Goldene-Aktie mit Blockaderecht. Bei EADS sind gut 50 Prozent der Stimmrechte in einem komplexen Vertragswerk zwischen Daimler, dem Medienkonzern Lagardere , dem deutschen, französischen und spanischen Staat gebunden. Daimler steht kurz davor, seinen Kapitalanteil um die Hälfte auf 7,5 Prozent zu verringern und im Gegenzug will die staatliche Förderbank KfW künftig gut 22 Prozent an der EADS halten. Das wäre dann das gleiche Niveau wie der französische Staat.
Die gesamte komplexe Transaktion zwischen EADS und BAE Systems steht ohnehin noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Verwaltungsräte der Unternehmen sowie weiterer Behörden.
Weil die Briten bislang von ihrem Jahresgewinn prozentual mehr an die Aktionäre ausgeschüttet haben als EADS, soll es künftig eine gemeinsame Dividendenpolitik geben. Falls der Zusammenschluss zustande kommt, soll es vorab an die EADS-Aktionäre eine Sonderzahlung von insgesamt 200 Mio. Pfund, also umgerechnet knapp 240 Mio. Euro, kommen. Für 2013 sollen die EADS-Aktionäre dann von der künftig erhöhten Dividendenausschüttung profitieren.