Im Wesentlichen wird die deutsche Debatte seit Jahren von drei Protagonisten geprägt: von el-Mogaddedis Beraterfirma "Institute for Islamic Banking and Finance", von Michael Gassner vom Zentralrat der Muslime und von einer immer wieder gern zitierten Studie der Unternehmensberatung Booz & Company. Den Angaben von Booz zufolge sind über 60 Prozent der Muslime in Deutschland an islamischen Baufinanzierungen interessiert. Auf Nachfrage räumt der Autor allerdings ein, dass sich das realistische Marktpotenzial eher auf 15 Prozent belaufe.
Zu den Verzerrungen dürfte beigetragen haben, dass die Umfrage vor allem in Moscheen erhoben wurde; bisweilen half beim Ausfüllen der Imam. Die Angaben el-Mogaddedis wiederum beruhen auf einer Online-Befragung: Erfasst wurde, wer mitmachte, die Repräsentativität ist eher zweifelhaft. Gassner vom Zentralrat schließlich spricht in Interviews von 30 bis 50 Prozent Marktpotenzial. Auf Anfrage sagt er, er beziehe sich "auf eigene Schätzungen und auf Booz".
Ergün Akinci, der Mann von der Deutschen Bank, hält selbst Schätzungen von 15 Prozent für zu hoch gegriffen. Er weiß zwar um den Boom, den das Thema in Großbritannien erlebt, wo sich in den letzten Jahren fünf rein islamische Geldhäuser angesiedelt und auch einheimische Großbanken wie HSBC oder Lloyds TSB längst entsprechende Finanzprodukte anbieten. "Anders als in England entstammen die meisten Muslimen in Deutschland allerdings der Türkei, also einem laizistisch geprägten Land, in dem Menschen traditionell keine Probleme mit dem Thema Zins haben", sagt Akinci.
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Islamic Banking verbindet moderne Finanzgeschäfte mit dem islamischen Zinsverbot. Bei der Immobilienfinanzierung etwa erwirbt die Bank das Haus und verkauft es mit Aufschlag an den Kunden weiter. |
Und wie hoch ist das Marktpotenzial tatsächlich? Verlässliche Daten dazu gibt es keine. Akinci schätzt das Potenzial auf drei bis vier Prozent - das entspricht übrigens etwa dem Marktanteil von Islamic Banking in der Türkei. Eine Stiftung des Essener Zentrums für Türkeistudien im Auftrag der Bundesregierung aus dem Jahr 2005 diagnostizierte zwar bei 23 Prozent der türkischstämmigen Migranten ein "grundsätzliches Interesse".
Allerdings plante weniger als ein Prozent, in Zukunft tatsächlich Ersparnisse in islamische Geldanlagen zu investieren. Ein wissenschaftlich begleiteter Round Table des Sparkassenverbands von 2007 bis 2009 kommt zu dem Schluss: "Islamic Banking wird sich in Deutschland nicht zu einem Massengeschäft entwickeln." Die Meinungsforscher von TNS Infratest planten 2007 eine große Befragung zu dem Thema, ließen das Vorhaben dann aber fallen, weil die Finanzbranche kein Interesse zeigte.
Die bisherigen Erfahrungen im Endkundengeschäft sind ernüchternd: Mangels Nachfrage musste die Commerzbank 2005 einen islamkonformen Publikumsfonds wieder schließen. Und die im vergangenen Frühjahr unter großem Presseecho gestartete erste deutsche Islambank Kuveyt Turk in Mannheim hat nach FTD-Informationen bislang nicht einmal 200 Kunden.
Zaid el-Mogaddedi ist trotzdem überzeugt, dass Islamic Banking auch in Deutschland eine Chance hat. Seiner Ansicht nach sperren sich die deutschen Geldhäuser vor allem gegen das Thema, weil sie den Unmut ihrer angestammten Klientel fürchten. Seinen Vortrag bei den Auslandsbankern hat el-Mogaddedi mit einer Metapher begonnen: Wenn in einer Gegend in Afrika alle Menschen barfuß laufen, dann könne man als Schuhfirma daraus zwei Schlüsse ziehen: "Entweder: Da ist kein Markt für uns. Oder: Genau da ist ein riesiger Markt."