Fast könnte man meinen, vergangene Woche habe sich ein zweiter Fall Lehman Brothers ereignet, so schrill klingen derzeit die Bankenkritiker. Dass die US-Großbank JP Morgan einen Verlust von mehreren Milliarden Dollar einräumen musste, halten manche für einen Beleg, dass Großbanken zerschlagen gehören, mindestens.
Als wenn es damit besser würde. Dabei ist JP Morgan inzwischen bereits doppelt bestraft worden.
Eher noch als jeder Regulierer oder Strafverfolger haben nämlich die Märkte darauf scharf reagiert: Der Aktienkurs des Finanzinstituts brach zwischenzeitlich ein, Hedge-Fonds und andere Investoren wetten nun gegen die Bank, die versucht, ihre riesigen Positionen aufzulösen, und könnten damit die Verluste erhöhen. Das dürfte kein Anteilseigner der Bank einfach so ungerührt hinnehmen.
Darüber hinaus hat JP Morgan auch noch drastisch an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Bankchef Jamie Dimon hat wie kaum ein anderer in den letzten Monaten gegen schärfere Regulierung agitiert. Und prominente Unterstützung gefunden. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney geißelte etwa Obamas Regulierungsreform, den Dodd-Frank Act, als zu weitgehenden staatlichen Eingriff. Banker seien schon verantwortungsvoller und kompetenter darin als Beamte, Risiken zu erkennen und zu vermeiden. Die Wall Street hofft daher auf Romneys Wahlsieg und darauf, dass er dann sein Versprechen einlöst, Obamas Regulierung teilweise zurückzunehmen.
Und dann verspekuliert diese Bank mal eben ein paar Milliarden. Und niemand will so recht die Verantwortung dafür übernehmen oder irgendetwas gewusst haben. Überregulierung ist offensichtlich nicht das größte Problem der Banken.
Große Risiken einzugehen ist kein Exklusivproblem von Großbanken. In kleineren Instituten können genauso gut einzelne Akteure große, aufgeblähte Positionen aufbauen - und deren Banken können das womöglich noch weniger kompensieren. Die Größe einer Bank allein ist daher kein Makel. Eine Zerschlagung löst das Problem daher nicht, sie splittet es allenfalls. Der Fall zeigt aber auch auf, wie wenig bei der Regulierung bislang passierte. Der Dodd-Frank Act hängt in der Bürokratie fest, erst ein Viertel der gut 1000 Seiten ist bislang umgesetzt worden. Insofern kann der Milliardenverlust etwas Sinnvolles bewegen: Er nimmt Regulierungskritikern wie Romney und den Republikanern die Argumente, sich weiter gegen Reformen zu stemmen - oder, schlimmer noch, sie nach dem Herbst zurückzunehmen.
Gerade der Derivatehandel muss vielmehr noch stärker unter Aufsicht gestellt werden, damit Risiken schneller erkannt werden können und nicht - wie bei JP Morgan - gefährlich lange unentdeckt bleiben.